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Lesetipp:
Bericht aus der OP vom 20.7.10
Bericht aus der OP vom 4.7.11




Katja Krämer, Abi-Jahrgang 2010,
berichtet von ihrem "sozialen Jahr" in Indien



> Vom Plan zum Flug
> Die Arbeit in Indien
> Leben in Indien
> Erfahrungen
> INFORMATIONEN
Vom Plan zum Flug
Es ist viel passiert seit der Zeit in der zehnten Klasse, als ich das Gefühl bekam, nach der Schule unbedingt weit weg und in ein völlig fremdes Land reisen zu müssen.
Trotzdem sitze ich hier, starre auf ein weißes Blatt und merke, dass es mir ziemlich schwer fällt, acht voll ausgefüllte Monate in einem kurzen Text zusammenzufassen.

Vor ungefähr zwei Jahren wurde aus meiner Idee ein festes Vorhaben und so machte ich mich auf die Suche nach einem passenden Projekt – welches ich im Rahmen des „weltwärts“ - Programms fand. Es folgten mehrere Bewerbungsgespräche und Vorbereitungswochenenden, bis ich dank der Karl-Kübel-Stiftung im August 2010 in ein Flugzeug nach Indien steigen konnte.
Meine ersten Eindrücke waren vor allem vom Englisch des Grenzpolizisten am Flughafen in Mumbai geprägt… „was hat der gesagt? Ich versteh ihn einfach nicht! Oh je, geht das jetzt so weiter? Wie soll ich bloß klar kommen?“



Und dann.. unbekannte Gerüche, Sprachen, die ich noch nie gehört hatte und Menschen, die anders aussahen, sich anders kleideten. Trotz der Unsicherheit, die sich breit machte, fühlte ich mich von Anfang an wohl und war gespannt auf die Zeit, die auf mich zukam. Nach einer Einführungswoche kamen meine Teampartnerin und ich in unser Projekt nach Coimbatore, einer Indischen Kleinstadt – nicht falsch verstehen, dort leben ungefähr sechs Millionen Menschen.
Die Arbeit in Indien
Ab dem Zeitpunkt arbeiteten wir für eine NGO (non governmental organisation). Unsere Hauptaufgabe lag in der Betreuung von 28 Mädchen eines Kinderheimes, die größtenteils indirekt von AIDS betroffen waren. Mit Hilfe der Erzieherin gaben wir Englischunterricht, bastelten mit den Mädchen, erfanden Spiele und machten Ausflüge, halfen bei Hausaufgaben und organisierten gemeinsam Feste. - Unsere besonderen Aufgaben waren es, der Internetseite unserer NGO ein ‚westliches Gesicht’ zu geben und eine Casestudy über die Familienschicksale der Kinder zu erstellen.

Leben in Indien
Die anfängliche Sprachbarriere war schnell überwunden, man half sich mit Händen und Füßen, schnappte Brocken der Landessprache Tamil auf… und die meisten Leute konnten auch ein paar Worte Englisch (Viele sogar sehr gut!)
Mit zunehmender Selbstsicherheit machten wir uns immer öfter auf den Weg in die Stadt, kauften ein und erkundeten die fremde Welt. Hier gab es riesige Gemüse- und Blumenmärkte, wo auf den Straßen auf Decken die Ware verkauft wurde, um die Ecke geriet man in eine winzige Gasse, in der Schneider saßen und Aufträge ausführten. Riesige Kaufhäuser wechselten sich ab mit verwinkelten Slums, überall liefen Ziegen durch die Gegend, hier und da stand eine Kuh. Begeistert haben mich auch immer die kleinen Stände an fast allen Straßenecken, bei denen man frische Kokosnüsse kaufen konnte – die gibt es in Deutschland gar nicht: In der harten Schale ist kaum Kokosfleisch, man bekommt einen Strohhalm und trinkt bloß die Kokosmilch.




Auch das Leben abseits dieser Entdeckungstouren blieb spannend. So kam beispielsweise alle paar Wochen ein von einer Kuh gezogener Lastkarren der frisches Wasser lieferte, dann mussten alle mithelfen und mit Eimern die Vorratsbecken auffüllen. Auch Strom war staatlich rationiert und einmal hatten wir sogar ein Ameisennest im Laptop.
Erfahrungen
Man kann schon sagen, das alles war ein wunderbares großes Abenteuer, doch muss man dazu wissen, dass es auch schlimme und schwierige Momente gab.
Persönlich waren da natürlich immer wieder Zeiten, in denen ich Heimweh hatte und einfach nachhause wollte. Aber auch „von außen“ gab es viele Dinge, die das Leben dort manchmal sehr schwer machten. So muss man sich darüber bewusst sein, dass man immer fremd bleibt, egal wie viele Freunde man kennenlernt und wie lang man schon dort ist. Man wird angestarrt, es werden Fotos gemacht und man wird angesprochen, manchmal freundlich, manchmal nicht. Auch kann man der Armut und dem Leid kaum aus dem Weg gehen. Immer wieder kommen verkrüppelte Menschen auf einen zu und wollen Geld, viele Leute leben auf der Straße, die Slums sieht man überall.




Natürlich entdeckt man bei einem Freiwilligendienst auch mehr, als wenn man einen Pauschalurlaub in so ein Land macht. Gerade das war für mich allerdings der Reiz. Ich wollte mich ja mal anders/fremd fühlen, ich wollte diese Dinge sehen und bin dabei auf viel gestoßen, dass ich so nicht erwartet hätte.
Beispielsweise begegneten mir genau die Menschen, denen es am schlechtesten ging, mit der größten Ruhe und schienen oft glücklicher als Bessergestellte. Oft erkannte man erst an den Geschichten, die sie uns erzählten, welch schlimme Vergangenheiten sie hinter sich hatten. An ihren Gesichtern, an der Freundlichkeit und am Lächeln erkannte man es meistens nicht.

Mich hat diese Zeit sehr geprägt, ich habe viel über mich, über das Leben an sich und darüber, was und vor allem dass man etwas tun kann gelernt. Ich bin dankbarer geworden und gehe bewusster mit Dingen um. Die Eindrücke -  positive und negative - die ich in diesen acht Monaten gesammelt habe, haben mich verändert und werden mich wohl nicht mehr loslassen.

Trotzdem bin ich froh, diesen Schritt gegangen zu sein und kann es nur jedem empfehlen, der bereit ist, mit offenen Augen in die Welt zu gehen.
Es ist eine großartige Gelegenheit.

gez. Katja Krämer

INFORMATIONEN
„weltwärts“
- vom BMZ gefördertes Programm für junge Erwachsene im Alter von 18 – 28 Jahren,
- angeboten werden Freiwilligendienste in Entwicklungs- und Schwellenländer
- der Dienst dauert je nach Organisation 6 – 24 Monate
- für den Freiwilligen entstehen kaum Kosten
- mehr Infos auf www.weltwaerts.de
- Infos über meine Entsendeorganisation: www.kkstiftung.de

Wer sich für’s Thema interessiert: Ich und meine Teampartnerin haben die ganze Zeit einen Blog geführt, den man unter www.kks-nmct-10.blogspot.com  findet.

Webteam, 25.8.2011